Viktorianischer Schmachtfetzen

Mein innigst verehrtes Wesen,

es ziemt sich gewiss nicht, dass ich diese Zeilen in einer derart enthemmten Aufgewühltheit verfasse. Und doch wäre es ein größerer Frevel an der Wahrheit, länger zu schweigen, nachdem mein Herz offenbar beschlossen hat, sich jeder vernünftigen Führung zu entziehen.

Glauben Sie mir, ich habe mich bemüht.

Mit aller mir zu Gebote stehenden Disziplin habe ich versucht, meine Empfindungen in vernünftige Schranken zu weisen. Ich habe sie geprüft, geordnet, für unvernünftig befunden und ihnen mit größtmöglicher Entschiedenheit nahegelegt, sich unverzüglich zu entfernen.

Sie zeigten sich davon unbeeindruckt.

Was zunächst kaum mehr war als eine flüchtige Regung, ein leises Stören der wohlgeordneten Oberfläche meiner Tage, hat inzwischen Ausmaße angenommen, die sich weder mit Anstand noch mit Vernunft erklären lassen.

Ihr Name allein genügt.

Eine beiläufige Erwähnung, und meine sorgfältig gewahrte Fassung gerät in einen Zustand, den ich bei jedem anderen Menschen mit einiger Besorgnis betrachten würde.

Bei mir selbst bleibt mir lediglich die Demütigung, ihn ertragen zu müssen.

Ich gestehe es daher wider besseren Wissens:

Ich habe mich bemüht, Sie nicht von Belang sein zu lassen.

Und bin kläglich daran gescheitert.

Nicht aus Mangel an Einsicht. Nicht, weil ich die Unvernunft dieser Entwicklung verkannt hätte. Sondern weil mein Innerstes offenbar zu dem Schluss gelangt ist, Sie seien von erheblicher Bedeutung, und es dabei nicht für nötig hielt, zuvor mein Einverständnis einzuholen.

Welch unerhörte Anmaßung.

Noch empörender ist allein die Erkenntnis, dass ich diesen Zustand inzwischen nicht einmal mehr ernsthaft zu beenden wünsche.

Denn so sehr Sie meine Ruhe stören, meine Gedanken besetzen und die Ordnung meiner Tage auf eine Weise erschüttern, die ich Ihnen unter gewöhnlichen Umständen entschieden verübeln müsste, so wenig vermag ich mir inzwischen jene frühere Ordnung zurückzuwünschen, in der Sie keinen Platz hatten.

Das, fürchte ich, ist der eigentliche Skandal.

Nicht, dass ich Sie liebe.

Sondern dass eine Welt, in der ich es nicht täte, mir plötzlich ärmer erschiene.

Sollten Sie also je an meiner Gefasstheit zweifeln, so seien Sie versichert:

Sie ist vorhanden.

Ich halte mit bemerkenswerter Würde an ihr fest.

Allein, sie steht auf denkbar unsicherem Grund.

In aufrichtiger Ergriffenheit
verharre ich

© 2026 Veraluna

Falsch gesagt trifft manchmal besser.
Ich kümmere mich um den Rest.